Die folgenden Kalefelder Sagen sind entnommen:
G. Schambach und W. Müller: Niedersächsische Sagen und Märchen, Göttingen 1855.

Zur besseren Lesbarkeit wurden die Texte entsprechend der heutigen Rechtschreibung überarbeitet.

Woher das Dorf Kalefeld den Namen hat

   Kalefeld ist erst nach dem Dreißigjährigen Kriege erbaut. Früher lag bei dem Schnedekruge ein Dorf, das hat Hâhûsen geheißen und ist verwüstet. Dort aber, wo jetzt Kalefeld liegt, hat ein Mann gewohnt, namens Kahle. Da haben die Bewohner des verwüsteten Dorfes gesagt: „Lâtet ösch bî Kâlen int Feld bûen.“ Davon hat Kalefeld seinen Namen.

   Nach einer anderen Überlieferung hat das Dorf früher am Weißen Wasser gelegen, da wo noch die Kirche steht und Weißenwasser geheißen. Im Dreißigjährigen Kriege ward es niedergebrannt. Da beschlossen die Einwohner nach dem Beispiele des Schmiedes, namens Kahle, hinaus ins Feld zu bauen. Von diesem Schmiede erhielt nun auch das Dorf seinen Namen.

Anmerkung: Beide Sagen entsprechen nicht der Wahrheit: Kalefeld besteht nachweislich bereits seit dem Jahre 889 und konnte im Jahre 1989 sein 1100-jähriges Jubiläum mit einem großen Fest feiern. Die beiden erwähnten Ortschaften Hâhûsen und Weißenwasser sind Wüstungen in der Kalefelder Gemarkung.

Die folgende Sage berichtet über

Die Herkunft der Weißenwasserkirche

   In alten Zeiten hat es Hünen gegeben, die sind von so gewaltiger Größe gewesen, wie es heutzutage gar keine Leute mehr gibt. Da sind einmal zwei Hünen von Uslar hergekommen, haben eine ganze Kirche auf eine eiserne Bahre genommen und aus dem Sollinge nach dem Weißen Wasser bei Kalefeld getragen. Als sie nun damit bei Hohnstedt an die Leine kommen, da spricht der vordere zu dem hinteren, welcher blind war: „Dau en beten wîe Strîe (Schritte), hier is´ne kleine Rîe (Rinne).“ - Die Leine war aber an dieser Stelle gerade ziemlich breit. – Sie gehen hinüber und wandern von da weiter dem Weißen Wasser zu. Als sie bei diesem angekommen sind, sprechen sie zueinander: „Wir wollen hier erst ein wenig rasten“, und stellen die Bahre hin. Als sie dieselbe aber wieder aufnehmen wollen, zerbricht sie, sinkt in den Boden und bildet das Fundament der Kirche, welche die beiden Hünen da stehen lassen mussten. Auf diese Weise ist die Kirche dahin gekommen und steht daselbst noch bis auf den heutigen Tag.

Anmerkung: Zu den in der Sage erwähnten Orten lässt sich feststellen: Die Christianisierung des Leine- und Auetales erfolgte vermutlich vom Kloster Corvey (ursprünglich im Solling). Die Ortschaft Hohnstedt wurde bereits sehr früh als Sitz eines Erzpriesters (später einer Superintendentur) erwähnt und war über Jahrhunderte für Weißenwasser zuständig.

Die Neunkammer

   Etwa eine halbe Stunde von Kalefeld liegt im Walde über Dögerode die sogenannte Nêgênkâmer, eine aus neun, durch schmale Gänge unter sich verbundenen Kammern beste-hende Höhle. Bis in die dritte ist wohl ein Mensch vorgedrungen, dann aber gehen die Lichter aus. In der fünften oder sechsten liegt ein großer schwarzer Hund, der eine schöne Prinzessin bewacht, die verwünscht in der achten Kammer schläft. Wenn nun ein unverheirateter junger Mann dahin käme, mit dem Hunde kämpfte und ihn erlegte, so würde der Zauber aufhören, die Prinzessin ins Leben zurückkehren, und ihm auch alle Schätze gehören, welche in der neunten Kammer liegen. Von dieser Neunkammer geht alle Abend ein Licht nach Dögerode und kehrt dann in gerader Linie dahin zurück.

Von dieser Höhle existiert eine weitere Sage, unter dem Titel:

Die weiße Jungfrau

   Die Nêgenkâmer oberhalb des kleinen Dorfes Dögerode ist früher ein verwunschenes Schloss gewesen. In der neunten Kammer befand sich eine Prinzessin, die dahin verwünscht war. Sie saß dort auf einem Stuhle an einer steinernen Tafel, auf welcher ein Stock lag.
   Einst hatte der Kuhhirt in Dögerode einen Traum, worin er aufgefordert wurde vor Tage dahin zu gehen und vor einer bestimmten Stelle einen Gutedroschen zu holen. Er ging auch hin und fand richtig an der bezeichneten Stelle einen Gutegroschen. Nun ging er lange Zeit an jedem Morgen vor Tage dahin und jedes Mal lag der Gutegroschen da. Eines Morgens aber musste er erst Brot backen und verspätete sich dadurch etwas. Als er nun hinkam, waren da drei Vögel zusammengebunden und oben an den Stein gehängt, wo sonst der Gutegroschen gelegen hatte. Zugleich ließ sich eine Stimme hören, er solle machen, dass er fortkomme. In der Kammer selbst aber erhob sich ein lauter Schrei. Der Hirt eilte nun fort und ging nicht wieder dahin. Er hätte die Jungfrau erlösen können, wenn er immer pünktlich dahin gegangen wäre, um den Gutengroschen zu holen.

Anmerkung: Die Neunkammer war eine Höhle in den Kahlbergklippen zwischen Kalefeld und Dögerode. Sie wurde Mitte des neunzehnten Jahrhundert zerstört, als man dort Kalksteine für den Bau der Northeimer Rhumebrücke abbaute.

Die Zwergenmolle

   Bei dem Weißen-Wasser liegt die Zwergmulde (twargmolle). Das ist ein etwa zwanzig Fuß hoher Felsen, der oben eine drei Fuß breite muldenartige Vertiefung bildet. In dieser Mulde sollen die Zwerge ihre Kinder gewiegt haben. – Rings um den Felsen zieht sich eine Erhöhung des Bodens, die Niemand berühren darf, sonst wird ihm der Hals umgedreht.

Anmerkung: Geht man davon aus, daß die Twargenmolle in vorchristlicher Zeit im Rahmen kultischer Handlungen zu Ehren der Götter als Blutauffangwanne bei Tier- bzw. Menschenopfern diente, so ist die oben erwähnte Androhung möglicherweise dadurch zu erklären, dass Karl der Große den unterworfenen und missionierten Sachsen bei Todesstrafe untersagte, ihre früheren heidnischen Stätten weiterhin aufzusuchen.

An der Zwergenmolle im Kahlberg 1971 (Fotos: Uwe Kampen, Kalefeld)

Der gespenstische Wagen

   Auf dem Mândâlskope bei Kalefeld soll vor alten Zeiten ein Schloss gestanden haben. Zu gewissen Zeiten fährt noch von da eine mit sechs Pferden bespannte Kutsche in der Mândâlsgrund herunter bis zu einer gewissen Stelle, wo sie wieder umkehrt. Unter dem Wagen ist ein Hund mit einer glühenden Kette angebunden, in demselben sitzt ein glühender Mann. Die Pferde werden von drei Männern mit schwarzen Gesichtern gelenkt, je zwei Pferde von einem Manne; ein vierter Mann, ebenfalls mit schwarzem Gesichte, steht hinten auf.
   Ein alter Mann hat die Kutsche nachts zwischen elf und zwölf Uhr da fahren gesehen, dann ist sie aber auch von mehreren Kindern am Mittage gesehen. Diese waren nämlich in den Wald gegangen, um Laub zu holen. Auf dem Rückwege hören sie plötzlich hinter sich einen Wagen rasseln und freuen sich schon, dass sie ihre Säcke aufwerfen können. Als sie aber die schwarzen Männer erblicken, lassen sie ihre Säcke im Stiche und laufen davon.

Anmerkung: Die in der Sage erwähnten Orte Mândâlskope und Mândâlsgrund beziehen sich vermutlich auf das Moontal im Westerberg, einem westlich von Kalefeld gelegenen Höhen-zug, nahe der Sebexer Grenze. Noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wussten alte Kalefelder Einwohner von diesem gespenstischen Wagen zu berichten.